Von 1949 bis heute

Ein Jahrhundert “He löpt noch” Willen (Teil 3): Von der Wiederbegründung bis heute

Am 23. April 1949 trafen sich 23 Interessierte aus der Gemeinde Willen in der damaligen Gaststätte Heiken (später Dorfkrug), um an die lange Boßeltradition in Willen anzuknüpfen. Man beschloss, „He löpt noch“ als Klootschießer- und Boßelverein wiederzubegründen und wählte Gerhard Lübben zum 1. Vereinsvorsitzenden. Wie bereits bei der Gründung 1911 zeigte sich erneut das Interesse der Willener Bevölkerung an einem örtlichen Boßelverein, denn schon nach einem Jahr hatte sich die Mitgliederzahl mehr als verdoppelt. In Zeiten allgemeiner Aufbruchstimmung konnten sich neben den wiederaufgenommenen sportlichen Aktivitäten eine Reihe von Veranstaltungen etablieren, die das Vereinsleben für Jahrzehnte prägen sollten. So wurde im September 1949 erstmals ein Sommerfest veranstaltet. Hierzu wurden sechs Stände auf der Auricherstraße und auf dem Brink eingerichtet und am Abend ein „Tanz” im „Hof von Hannover“ gefeiert. Auch in den nachfolgenden Jahren warfen nun bis zu 33 auswärtige Vereine aus der ganzen Region um ausgesprochen hochwertige Preise.

Zugleich zeigten sich auch die Vereinsmitglieder von „He löpt noch“ nach den entbehrungsreichen Kriegsjahren sehr reisefreudig. Wie selbstverständlich besuchten auch die Willener Jahr für Jahr eine große Zahl an Preiswerfen. Oftmals wurden mit dem Bulli des örtlichen Kaufmanns Reinhard Oncken mehrere „Stationen” an einem Tag angefahren. Sobald sich eine Chance auf den Sieg bot, entpuppte sich Oncken hierbei nicht selten als großzügiger Sponsor und schickte „seine Jungs” mit neuen Werferkarten in die nächste Runde. Darüberhinaus wurden nun auch regelmäßig gemeinsame Tagesausflüge organisert. Eine erste Fahrt wurde nach Bad Essen unternommen. Weitere Reisen führten die Willener etwa ins holländische Nachbarland, in die Lüneburger Heide oder an den Dümmersee. Damit es auch sportlich weiter rund gehen konnte, wurden die aktiven Werfer 1956 mit einheitlichen Pullovern ausgestattet. So gerüstet, konnten in den kommenden Jahren vermehrt sportliche Erfolge gefeiert werden. Erstmals konnte 1958 nun die Kreismeisterschaft im Boßeln errungen werden. Auch die Boßelsaison 1961/1962 verlief äußerst erfolgreich, so dass gar drei Kreismeisterschaften gefeiert werden konnten (die der Jugendklasse, der Männerklasse Holz und der Altersklasse).

Die nun folgenden Jahre brachten immer wieder Veränderungen mit sich. So waren im Vereinsvorstand nach Jahren der Kontinuität zahlreiche Umbesetzungen nötig. Für ein Jahr blieb der Posten des Vereinsvorsitzenden aufgrund von internen Streitigkeiten unbesetzt. Organisatorisch entfiel durch die Aufnahme des Vereins in den Landessportbund nun die Notwendigkeit, für eine eigene Haftpflicht- und Unfallversicherung zu sorgen. Schließlich musste man sich für einige Jahre nach einer neuen Heimstrecke umsehen. Zunächst wurde die bisher genutze Landstraße zwischen Poggenkrug und Burhafe im Herbst 1962 aufgrund weitreichender Ausbauarbeiten für den Verkehr gesperrt. Kurze Zeit später wurde dem Verein 1964 die Genehmigung für Wettkämpfe auf der sogenannten „Benzinstraße“ verwehrt. Trotz eines Protestschreibens an den Regierungspräsidenten musste „He löpt noch“ erneut auf den Alten Postweg ausweichen. Erst 1967 wurde die Sperrung der Kreisstraße wieder aufgehoben und die Boßelwettbewerbe konnten in gewohnter Weise auf der beliebten Strecke im Wittmunder Wald stattfinden. Bis heute trägt ein Großteil unserer Mannschaften ihre Heimkämpfe auf der „Burhafer Straße“ aus.

Zu guter Letzt machte sich in diesen Jahren die schrittweise Gleichstellung der Geschlechter endlich auch im Friesensport bemerkbar. Galt die „ernsthafte“ Ausübung des Boßelns und Klootschießens noch bis weit in die 1960er-Jahre als Männerprivileg, durften die Ehefrauen der Vereinsmitglieder bei den Vereinsmeisterschaften 1969 erstmalig um Preise werfen. Bei diesem Anlass konnte Thea Oncken die angetretenen Männer beeindrucken und gleich den weitesten Wurf des Tages feiern. Im Vergleich zu anderen Vereinen sollten bis zur Gründung einer Frauenabteilung in Willen dennoch noch zahlreiche Jahre ins Land gehen. Doch auch für die Willener Männer bot sich noch im selben Jahr die Gelegenheit ihr Können unter Beweis stellen: beim Friesischen Mehrkampf des Wittmunder Kreisverbandes konnte erstmals die begehrte Wanderfahne gewonnen werden.

Mit Beginn der 1970er Jahre sollte nach Jahren der Stagnation ein kontinuierlicher Mitgliederzuwachs einsetzen Bereits 1974 konnten zum ersten Mal über 100 Mitglieder gezählt werden, von denen über 40 Personen aktiv am Spielbetrieb teilnahmen. Gleichzeitig wurden weiterhin sportliche Erfolge erzielt. Denn obwohl die Kreismeisterschaft der Männermannschaft im Boßeln 1975 eine Durststrecke in dieser Klasse einläutete, konnten sich unsere Senioren in der Altersklasse über Jahre hinweg an der Wittmunder Spitze behaupten. Auch im Jugendbereich war Willen nun in beinahe jedem Jahr mit einer Schüler- und einer Jugendmannschaft aktiv. Rückblickend bleibt aber insbesondere die Einführung des Mc Cay-Pokals in Erinnerung.

Im Verlauf der Achtziger wandelte sich das Gesicht des Vereins dann spürbar. Zunächst wurde bei der Generalversammlung 1981 nahezu einstimmig der Wechsel des Vereinslokals beschlossen. Nun stellte anstelle des „Hof von Hannover“ der „Dorfkrug Willen“ für Jahrzehnte das Zuhause des Vereins dar. Drei Jahre später wurde nun auch unsere Frauenabteilung ins Leben gerufen. Zu ihren Gründungsmitgliederinnen gehörten zunächst Marlies Juilfs, Hildegard Polter geb. Hohlen, Gudrun Polter geb. Heeren, Marlene Tjarks, Hilka Doden und Marion Doden. Erstmals griff diese Formation im August 1984 ins Geschehen ein. Um sich angemessen auf ihre Premierensaison vorzubereiten, nahmen die Willener Werferinnen an einem Freundschaftskampf unseres Vereins in Wiesederfehn teil. Schnell formierte sich eine eingespielte Mannschaft und auch die ersten Erfolge sollten sich in den Folgejahren einstellen. Zudem nahmen ab 1986 auch weibliche Jugendmannschaften am Spielbetrieb des Kreisverbandes teil. Ebenfalls in diese Zeit fällt die Gründung der Gymnastikgruppe, die als eigene Sparte in den Verein aufgenommen wurde. Ob Turneinheiten oder Fahrradtouren – bis heute bleibt diese Gruppe aktiver Bestandteil des Vereins. Nicht zuletzt dank dieser Erweiterung konnte der Verein im Jahre 1987 das 200. Mitglied aufnehmen. Weiterhin änderte sich auch der rechtliche Status des Vereins. So wurde 1986 die Eintragung in das Vereinsregister beschlossen und drei Jahre später die Anerkennung der Gemeinnützigkeit vorangetrieben. Am Ende eines wechselvollen Jahrzehnts konnte man sich schließlich zurücklehnen und das 40-jährige Vereinsjubiläum nach Wiederbegründung feiern.

Seitdem scheint das Vereinsleben seinen gewohnten Gang zu gehen. Dabei wurden die letzten 20 Jahre in erster Linie durch einen weiteren Mitgliederzuwachs geprägt, der sich vor allem durch eine nachhaltige Jugendarbeit unter Leitung der Jugendwarte Bernhard Garrelts (1993 bis 2004) und Wilhelm Wübbenhorst (seit 2004) erklären lässt. So nehmen jährlich bis zu neun Jugendmannschaften am Boßel-Spielbetrieb des Kreisverbandes Wittmund teil. Auch wenn diese Zahl die herausragende Stellung der Sportart Boßeln belegt, wird auch das mittlerweile in den Hintergrund gedrängte Klootschießen gefördert. Der Unterstützung der Stadt Wittmund ist es dabei zu verdanken, dass “He löpt noch” seit 1995 auf einem gepachteten Gelände gegenüber der Willener Schule in den Sommermonaten wöchentliche Übungswerfen veranstalten kann. Angesichts dieses Trainingseifers ist es nicht verwunderlich, dass Willen in Stand- und Mehrkämpfen oftmals mit schlagkräftigen Mannschaften an den Start gehen kann. Gleichzeitig gelang es Gerd Eilers, Helmut Siefken, Bernhard Garrelts, Silke Schonlau oder Florian Peters in der Vergangenheit mehrfach auch in Einzelvergleichen ihre Klasse unter Beweis zu stellen und wiederholt Medaillen auf (ost-) friesischer Ebene zu gewinnen.

Doch auch im Boßeln konnten in den letzten Jahren einige Achtungserfolge auf überregionaler Ebene verbucht werden. Zweimal erreichte unser Verein in den vergangenen Jahren das Finale des Ostfrieslandpokals. Auch konnten vier Landesmeistertitel im Boßeln gefeiert werden. Zwei Mannschaften, der männlichen Jugend B 2005 und den Frauen III 2008, gelang es dann sogar mit dem Meistertitel des Friesischen Klootschießerverbandes nachzulegen. Nicht zuletzt schafften es Willener Mannschaften nach dem erstmaligen Aufstieg der Frauen II in die Landesliga im Jahr 2000 immer wieder in die höchste Liga des Boßelsports vorzustoßen. So gingen unsere Männer III in diesem Jahr in die insgesamt zehnte Landesligasaison unseres Vereins und konnten dabei einen hervorragenden 4. Platz belegen. Auch wenn es in diesen Spielzeiten meist darum geht einen drohenden Abstieg zu verhinden, bleibt es für alle Sportlerinnen und Sportler eine große Herausforderung gegen die Spitzenmannschaften Ostfrieslands anzutreten. Und selbst die bisherigen „Sorgenkinder“, die Mannschaften der Frauen I und Männer I, befinden sich seit einiger Zeit wieder im Aufwind. Während unsere Frauen in den vergangen Spielzeiten nur knapp den Aufstieg in die höchste Kreisliga verfehlten, sicherten sich die Männer die ersten zwei Kreismeistertitel seit Jahren.

Nicht nur deshalb schaut „He löpt noch“ optmistisch in die Zukunft. Mit über 270 Mitgliedern geht man nicht nur als einer der ältesten, sondern auch als einer der mitgliederstärksten Vereine des Kreisverbandes Wittmund in das Jubiläumsjahr. Dabei stehen die nächsten Herausforderungen schon vor der Tür. So steht der Verein nach der Schließung unseres „Dorfkrugs” derzeit ohne Vereinslokal da. Auch wird überlegt werden müssen, wie auf den demographischen Wandel und auf zukünftige gesellschaftliche Veränderungen reagiert werden kann. Doch zunächst darf man in diesem Jahr feiern und einen zufriedenen Rückblick in die Vergangenheit wagen. Darum versammelten sich am 9. März 2011, auf den Tag genau ein Jahrhundert nach der Gründung, zahlreiche Vereinsmitglieder zu einer Feierstunde an der Grundschule Willen. Von nun an wird dort ein Gedenkstein an die lange Geschichte unseres Vereins erinnern.

Quelle: Vereinschronik zum 100-jährigen Jubiläum

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